Ein Großprojekt für Westafrika

Frankreich profitiert von seinen früheren Kolonien

Sicher geleitet eine junge Frau die größten Pötte der Weltdurch den Hafenkanal an die Piers von Abidjan, dem Wirtschaftszentrum der Elfenbeinküste. Sie strahlt das Selbstbewußtsein jenes Afrikas aus, das seine Geschicke in die eigenen Hände nehmen will, aber immer wieder von den alten Kolonialmächten Fesseln angelegt bekommt.

In einem der ärmsten Ländern des Kontinents haben die jungen Mütter in ihren farbenfrohen Gewändern die Kinder herausgeputzt. Durch Staub und Schlamm begeben sich Dozenten in feinem Zwirn zu ihren Vorlesungen an der neuen Universität. Die Marktfrauen von Abidjan, die sich selbst in einer Genossenschaft organisiert haben, sicherten während des vier Jahre zurückliegenden Bürgerkriegs die Versorgung ihrer Millionenstadt.

Dieser Bürgerkrieg ist die Ursache für die anhaltend bittere Armut des Landes. An dem spürbaren Aufschwung wird im geringen Maße lediglich die Mittelschicht beteiligt. Große Teile der Bevölkerung leben im Ballungsraum von Abidjan nicht in Häusern, sondern in Hütten, die in der Regenzeit davonschwimmen, während sich eine kleine Oberschicht in umfriedeten und komfortabel ausgestatteten Wohnquartieren von privaten Sicherheitsunternehmen bewachen läßt. Eigentliche Nutznießer des Aufschwunges sind wieder die französischen Konzerne wie France Télécom, der Baukonzern Bouygues SA,Schokoladenhersteller und Plantagenbesitzer, die alle Schlüsselstellungen des Landes - Wasser, Energie, Kommunikation, Verkehr, die Häfen, die Landwirtschaft und die größten Banken - in ihren Händen haben. Einer der einflußreichsten Akteure ist der vier Milliarden Dollar schwere Unternehmer Vincent Bolloré. Kern seines Unternehmens ist die „Africa Logistics“, die 2008 einen Jahresumsatz von 1,4 Milliarden Euro erzielte. Ihr gehören unter anderem alle Eisenbahnlinien der Elfenbeinküste. Für 21 Jahre hat sie die Konzession für den Betrieb des neuen Containerhafens von Abidjan erhalten. Mit der Progosagruppe liefert sie sich einen harten Konkurrenzkampf um die Vorherrschaft über die afrikanischen Häfen. Einen entscheidenden Vorteil hat sich Vincent Bolloré jetzt mit dem Ausbau des Hafens von Abidjan gesichert. Dort entsteht ein zweites Containerterminal. Dessen Ausbau ist Bestandteil des „Abidjan-LagosTrade and Transport Facilitation Program“ der Weltbank. Entlang eines zu errichtenden 1000 Kilometer langen Küstenkorridores von Abidjan nach Lagos, wo sich ein weiterer Containerhafen von Vincent Bolloré befindet, sollen Handel und Verkehr frei fließen. Von dieser Trasse aus sollen die nördlichen Binnenländer erschlossen werden. Direkt sind vier und indirekt alle 16 Staaten Westafrikas mit für 2015 prognostizierten 320 Millionen Einwohnern betroffen. Es soll ein Markt, so die Weltbank, von 70 Millionen Konsumenten erschlossen werden. Die zweite Phase dieses Projektes ist gerade angelaufen. Sie sieht neben dem Hafenausbau in Abidjan den Bau des über 130 Kilometer in der Elfenbeinküste verlaufenden Teilstücks der Trasse und die Vereinfachung der Zollformalitäten im Hafen von Abidjan vor. Über die Lagune in dem vom chronischen Verkehrschaos geplagten Abidjan wurde bereits im Rahmen dieses Programms eine dritte Brücke geschlagen.

2010 hatte Vincent Bolloré in der Elfenbeinküste schon seine Felle davonschwimmen sehen. Der damalige Präsident Laurent Gbagbo verkündete, die seit der Kolonialzeit ungebrochen bestehende enge Bindung an Frankreich zu lockern. Er hatte Investoren aus China, Südafrika und Lybien eingeladen. Überdies verkündete er, die Verträge mit Frankreich einer Überprüfung unterziehen zu wollen. Dieser aus der Gewerkschaftsbewegung hervorgegangene Mann gewann dazu auch noch knapp die Wahl vor seinem Gegenspieler Alassanne Ouattara, der sich seine Meriten beim Internationalen Währungsfonds verdient hatte. Es sei dahingestellt, ob Vincent Bolloré den damals amtierenden französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy bei einer Kreuzfahrt auf seiner Yacht „Paloma“ oder im Privatjet auf diese Entwicklung an der Elfenbeinküste aufmerksam machte, jedenfalls entschied die von Frankreich dominierte örtliche UNO-Mission, daß der Wahlsieger Alassanne Ouattara sei. Laurent Gbagbo, der das nicht wahrhaben wollte, wurde gezeigt, wer der Herr im Hause ist. Französische Spezialeinheiten, die „Forces Licorne“, besetzten den Hafen und den Flugplatz, die Hubschrauber der ebenfalls französisch geführten UN-Blauhelmtruppe (UNOCI),die aus Soldaten der von Frankreich geschmiedeten westafrikanischen Allianzbesteht, bombten den Einheiten Alassanne Ouattaras den Weg in den Präsidentenpalast frei. Die Verhaftung und, wie glaubhafte Berichte bezeugen auch Folterung, von Laurent Gbagbo wurde den Putschisten, die sich bis dahin in den Wäldern als unsichtbare Truppe - dem „Le Commando Invisible“ - verborgen hatte, überlassen. Die gesamte Operation, das listet die UNO Resolution 1975von 2011 auf, war von bestialischen Verbrechen begleitet. Offiziell wurden 3000 Tote bestätigt. Noch heute leben abertausende Flüchtlinge an der Grenze zu Liberia in Lagern. Dieser zweite blutige Bürgerkrieg wird amtlich als eine den „Wahlen folgende Krise“ heruntergespielt. Laurent Gbagbo ist vor dem internationalen Gerichtshof in den Den Haag wegen Verstoßes gegen die Menschenrechte und Kriegsverbrechen angeklagt.

Frankreich rechtfertigte sein Eingreifen mit besagter UN-Resolution, die vorsieht „den Einsatz schwerer Waffen gegen die Zivilbevölkerung zu verhindern“. Mag sein, daß Alassanne Ouattara, als er Kanzlerin Angela Merkel um Unterstützung für die Operation jener „Forces Licorne“ in Mali bat, sie über dieses Detail nicht unterrichtet hat. Sonst müßte wohl heute die ukrainische Regierung in ihrem Bürgerkrieg eher ein Eingreifen der Europäischen Union als das der Russen fürchten.

Alassanne Ouattara hat inzwischen neue Verträge mit Frankreich geschlossen. Sie sichern weitere Militärbasen und auch den Zugriff auf die vor der Küste entdeckten Öl- und Gasvorkommen zu. Zudem hat seine Regierung Frankreich alle bürgerkriegsbedingten wirtschaftlichen Ausfälle erstattet.

Anläßlich der Ausstellungseröffnung einer ivorischen Künstlerin in Berlin lud Botschafter Léon Houadja Adom Kacou deutsche Unternehmer ein, ebenfalls in der Elfenbeinküste zu investieren. Auf besorgte Fragen, ob denn nicht die politischen Unruhen in Nachbarländern wie Mali ein zu hohes Risiko darstellten, wurde versichert, daß Frankreich seine wirtschaftlichen Interessen zu schützen wisse. Dazu brauchen sich die Investoren nicht allein auf Frankreich zu verlassen. Anfang des Jahresverkündete auf der Münchener Sicherheitskonferenz Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, daß sich Deutschland verstärkt in Afrika engagieren werde. Zu Besorgnis gibt auch die Klage des Bundespräsidenten auf jener Konferenz Anlaß: „Ich leide wie viele Menschenrechtsverteidiger in aller Weltdaran, daß nicht überall eingegriffen wird, wo es ethisch, zum Schutz von Leib und Leben bedrohter Menschen, geboten wäre“.

 

Der hundertjährige Krieg

Brüssel zeigt erste große Schau zum I. Weltkrieg

Am 28. Juli jährt sich zum 100. Male der Tag, an dem das Kaiserreich Österreich-Ungarn Serbien den Krieg erklärte. Anlaß war das erfolgreiche Attentat von Sarajewo auf den Thronfolger des Kaiserreichs.

Damit begann der I. Weltkrieg, denn die Großmächte gerieten durch das Attentat nicht Hals über Kopf in einen politischen Strudel, sondern hatten schon lange zuvor aufgerüstet, um gewaltsam die bestehenden Einflußsphären in der Welt zu verändern. In rascher Folge erfolgte die Kriegserklärung Deutschlands an Rußland, an Frankreich, der Überfall auf Belgien, woraufhin Großbritannien Deutschland den Krieg erklärte. Im weiteren Verlauf des Krieges sollte sich zeigen, daß der Imperialismus bereit ist, jedes Menschenrecht mit Füßen zu treten und die Jugend zu Millionen in die Massengräber zu treiben.

Vom damals besiegten Deutschland wurde aus gleichem Grund 25 Jahre später versucht, mit einem II. Weltkrieg die Ergebnisse des Ersten zu revidieren. Auch das scheiterte. Heute, nach 100 Jahren, soll nun endlich das bisher mit militärischen Mitteln nicht erreichte Ziel, unter der Konstruktion eines politischen Westeuropas erreicht werden: die deutsche Hegemonie in Europasamt Ukraine, des Baltikums und des Balkans. Um diesen Anspruch zu legitimieren, eignet sich ein drittes Jubiläum: Vor 25 Jahren wurde mit der Grenzöffnung um Westberlin der Zusammenbruch des östlichen Militärbündnisses offenbar. Somit kann die heutige Entwicklung als die Krönung eines historischen Prozesses dargestellt werden, in dem sich die europäische Idee unter deutscher Führung verwirklicht hat. Einziger Mißklang ist, daß sich Rußland weigert, seine Großmachtstellung gänzlich preiszugeben und seine wichtigsten strategischen Positionen sichern will. Die russische Reaktion kam so überraschend wie energisch, daß aus den imperialen Herrschaftsansprüchen erneut ein Spiel mit dem Feuer geworden ist.

Angesichts dieser Gefahr, ist es interessant zu sehen, wie die deutschen Nachbarländer diese Jubiläen begehen. Seit Februar ist dies im königlichen Armeemuseum von Brüssel in einer bemerkenswerten Ausstellung möglich.

Brüssel wurde nach der deutschen Besetzung Hauptstadt der Provinz Flandern und Sitz der Generalgouvernementsverwaltung. Allerdings hielt sich der Verwaltungsaufwand in Grenzen, denn Flandern wurde zu einem der wichtigsten Kriegsschauplätze. In Flandern kam erstmals eine Massenvernichtungswaffe, das Giftgas „Yperit“, zum Einsatz, mit dem sich die vom belgischen Heer gestoppte deutsche Armee vergeblich den Weg nach Ypern bahnen wollte. Die Stadt gab dem Giftgas ihren Namen. Erfolgreicher war das erste Bombardement der Kriegsgeschichte. Am Morgen des 6. August wurde von einem Zeppelin aus das befestigte Lüttich bombardiert, in das am nächsten Tag deutsche Truppen eindrangen. Flämische Orte wie Langemark symbolisieren noch heute die Schrecken des Krieges. Belgien erinnert sich daran mit der ersten bedeutenden Ausstellung zum Kriegsjubiläum „Expo 14-18, es ist unsere Geschichte“.

Die Ausstellung befindet sich an jenem Ort, wo auch die Darstellung des Weltkriegsgeschehens einsetzt: auf dem Gelände der Weltausstellung von 1910. Die Ausstellung ist in 16 Kapitel gegliedert, die mit der Vormachtstellung Europas in der Welt beginnen. Im „schönen Sommer von 1914“wird Belgien schließlich zentraler Kriegsschauplatz, was auch räumlich organisiert wird, indem die einzelnen Kapitel um diesen Mittelpunkt der Ausstellung gruppiert werden. Das Kriegsende erlebt der Besucher auf einem Bild der Trümmerlandschaft stehend, während auf der Leinwand die Opfer des Krieges gezählt werden.

Bindendes Glied zwischen den einzelnen Kapiteln ist die stete Gegenüberstellung von König Albert I. und Kaiser Wilhelm II. als die großen Gegenspieler, was an die Dramaturgie von Hollywoodfilmen erinnert. Das gipfelt schließlich im „Showdown“, den Albert I. glorreich in prächtiger Uniform gewinnt, während Kaiser Wilhelm II. verbittert und einsam auf dem Bahnhof von Eijsden mit nichts weiter als einer Truhe, die er von sächsischen Ulanen und Grenadieren bekommen hatte, in das holländische Exil reist. Eine gewisse historische Berechtigung hat diese Darstellung, denn schon 1904 hatte der deutsche Kaiser barsch vom belgischen König Unterwerfung unter die gegen Frankreich gerichteten deutschen politischen Ziele verlangt. Ähnlich, wie heute Angela Merkel glaubt, mit Wladimir Putin umzuspringen zu können, wobei zu hoffen ist, daß die Geschichte nicht den gleichen Ausgang findet.

Interessanter als diese Hofgeschichten dürfte für die Besucher jedoch sein, wie ihre Vorfahren unter den Bedingungen des Krieges gelebt haben. Die Kuratoren haben keine Mühe gescheut, dies dem Publikum nahezu bringen. In der Enge eines Schützengrabens erlebt der Besucher, wie der Soldat seine Umgebung durch Sehschlitze wahrgenommen hat. Lediglich Kälte,Nässe, Ratten und Läuse müssen noch hinzugedacht werden. Wenn er sich mit Grauem dem nächsten Exponat zuwenden will, wird ihn der Einschlag einer Granate erschrecken. Auch der Besuch der Kommandobrücke eines Kriegsschiffes läßt keine Kreuzfahrtträume aufkommen. Er verspürt das Vibrieren und Tuckern des Diesels. Das Meer ist ein Höllenschlund, in dem er bei einem Treffer des schemenhaft am Horizont erkennbaren Feindes jederzeit verschwinden kann. Viele Dokumente, nachgebaute Amtsstuben, selbst Schenken zeigen, daß auch das Leben im Hinterland weder für die Besetzten noch die Besatzer ein Zuckerschlecken war. Neben Hunger, Elend und barbarischer Willkür war das Leben bis ins Kleinste reglementiert. Dafür wurden von den Arbeitsbüchern der Belgier bis zur Badeordnung für die deutschen Soldaten zahlreiche Dokumente zusammengetragen.Auch die Profiteure werden vorgestellt. Dazu gehört das Unternehmen „Mauser“, das unter anderem das modernste Infanteriegewehr produzierte. Während der Chauvinismus kochte, durften sich die einander verhaßten Soldaten jedoch mit Gewehren aus gleicher Produktion wie der „Belgian Mauser M1889“, mit der über die Fronten hinweg die Armeen ausgerüstet wurden, beschießen. Das Unternehmen ist in direkter Linie einer der Vorläufer des deutschen Rüstungskonzerns Rheinmetall.

Weihnachten 1914 fiel auf dem Frontabschnitt zwischen Mesen und Nieuwkapelle den deutschen und britischen Soldaten links und rechts der Schützengräben auf, daß sie am 24. Dezember die Geburt des gleichen Gottesfeierten. Sie verweigerten den Gehorsam und stellten das Feuer ein. Doch schon bald machten ihnen ihre kirchlichen Oberhirten wieder klar, daß sie „für Gott und Vaterland“ aus allen Rohren gleich welcher Herkunft aufeinander zu schießen haben. Zur Qualität dieser Ausstellung gehört auch, daß andere in Vergessenheit geratene Episoden ins Licht gerückt werden. Dazu gehört unter anderem, daß auf der Brüsseler Weltausstellung von 1910 wie übrigens auch im Berliner Zoo die „Eingeborenen“ als lebende Exponate den staunenden Besuchern vorgeführt wurden. Zu diesem Zeitpunkt aber leisteten sie in ihrer afrikanischen Heimat in eigenen militärischen Kontingenten Militärdienst und stellten unter der Aufsicht der belgischen Kolonialherren auch eigene Polizeitruppen. Heute werden sie gleichberechtigt unter den Opfern geführt.

Über eine schmale Treppe verläßt der Besucher diese Sonderausstellung und gelangt in die militärische Dauerausstellung. Zeitlich gibt es keinen Sprung, dennoch betritt der Besucher eine ganz andere Ausstellungswelt. Die Schau beginnt mit den Uniformen und der Ausrüstung der neuen Nationalverbände in der Ukraine und den baltischen Staaten. Konzeptionell ist es ein Sprung in eine andere Welt. Vor allem Bewunderer der Militärtechnikkommen nun auf ihre Kosten. Ein großer Raum wird den Diktatoren gewidmet, die nach dem Zerfall der Kaiserreiche an die Macht kommen: Lenin, Hitler und Stalin. Dies vermag vielleicht manchen Besucher motivieren, mehr dafür zu tun, daß bald ein Raum eingerichtet werden kann, wo einmal auf Gemeinsamkeiten des Schlächters vom Kongo Leopold II. mit Joseph Goebbels und Michael Gorbatschow, wie es Altkanzler Helmut Kohl in einem seiner lichtesten Momente getan hat, verwiesen werden kann.

Die Ausstellung wird bis zum 26. April 2015 gezeigt. Der Eintritt beträgt 12 Euro.

Sie ist Dienstag bis Freitag von 9 bis 17, an den Wochenenden, Feiertagen und während der Schulferien von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Königliches Armee- und Militärgeschichte-Museum

Jubelpark 3

1000 Brüssel

Internet: www.expo14-18.be

 

 

Agis

Der vergessene König und der vergessene Widerstand

Katharina Ehrlicher ist eine hochbetagte Dame aus dem Grunewald, die häufig von Schulen als sogenannte Zeitzeugin eingeladen wird, um aus eigenem Erleben über die Nazizeit zu erzählen.

Sie kann nicht nur von Verfolgung und Leid berichten, sondern auch vom Widerstand. Sie stammt aus einer kommunistischen Familie. Ihr Vater Herbert Schulze war ein berühmter Pianist und Orgelbauer, der die Werke von Komponisten der Moderne wie Skrjabin, Schönberg, Krenek, Hindemith und Strawinsky oft erstmals in Deutschland zu Gehör gebracht hatte. Von den Nazis mit Berufsverbot belegt, verschaffte ihm Hugo Distler im Johannesstift in Spandau ein Auskommen. Die ganze Familie arbeitete dort weiter gegen die Nazis. In der evangelischen Fürsorgeeinrichtung speisten häufig Persönlichkeiten der mit dem kirchlichen Widerstand verbundenen Bekennenden Kirche wie Martin Niemöller, Harald Poelchau, Helmut Gollwitzer und Hilda Heinemann mit am Mittagstisch der Familie. Auch Katharina Ehrlicher leistete Widerstand: Als Zwölfjährige brachte sie Speisen und Nachrichten zu einer jüdischen Familie in der Kantstraße.

Wenn sie aus dieser Zeit berichtet, wird ihr von den Jugendlichen nicht nur Hochachtung und Respekt entgegengebracht. Sie stößt auch auf eine Protesthaltung von eher rechtsorientierten Jugendlichen. Über die Ursachen für diese Rückorientierung hat sie sich ihre eigenen Gedanken gemacht: „Von den Jugendlichen wird immer wieder verlangt, daß sie sich für etwas schämen sollen, zu dem sie gar keine Beziehung haben. Nationalstolz wird als anrüchig betrachtet. Die Jugendlichen leben aber in einem Deutschland, auf das sie stolz sein wollen, zumal sie auch in jungen Jahren bereits zum Wohl dieses Landes beitragen.“

Dabei gibt es allen Grund, auf dieses Land stolz zu sein, zu dessen heutigem internationalen Ansehen sie selbst beitragen. Sie dürfen aber auch auf die Geschichte ihres Landes stolz sein, auch in seinem finstersten Kapitel, denn auch in dieser Zeit haben, wie das Beispiel der Familie von Katharina Ehrlicher zeigt, weit mehr Menschen das Ansehen Deutschlands hochgehalten, als es später dem eigenen Widerstand zugestanden wurde. Das geschah aus politischem und wirtschaftlichem Kalkül nach der militärischen Niederlage Deutschlands. Es ist endlich an der Zeit, nicht länger durch eine ideologische Brille auf dieses Kapitel zu blicken.

Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist stets erfolgt. Die Blickwinkel wechselten jedoch. Katharina Ehrlicher ist nur eine von vielen Zeitzeugen, die trotz ihres hohen Alters immer wieder den Weg zu der Jugend finden. Auf diesem Weg begegnen ihnen wie täglich auch den Jugendlichen zahlreiche Denkmale, großflächig in bester zentraler Lage der Stadt, die der Auseinandersetzung mit dieser Zeit gewidmet sind. Nachdem einmal der Anfang gemacht wurde, beansprucht nun möglichst jede Opfergruppe einzeln in teuerster Stadtlage ein zentrales Denkmal. Diese Denkmale dienen nicht nur der Erinnerung: Sie führen immer wieder eine nationale Schuld vor Augen und fordern eine nationale Demut. Dagegen nimmt sich, von der Offiziersgruppe um die Attentäter des 20. Juli im Generalstab der Wehrmacht abgesehen, der von den Deutschen selbst geleistete Widerstand verschwindend gering aus, was keineswegs seiner historischen Bedeutung entspricht. Aber gerade Denkmale, die auf den eigenen deutschen Widerstand verweisen, wären geeignet, das Volk endlich aus der verordneten Schamgemeinschaft heraustreten zu lassen und sich selbstbewußt auf seine demokratischen Traditionen und seinen aus dem Volke erwachsenen Widerstand zu berufen. Die Jugend könnte hier patriotische Vorbilder finden, auf die sie stolz sein darf.

Dies scheint aber zumindest in der Nachkriegszeit nicht gewollt gewesen zu sein. „Der Krieg ist nix als die Geschäfte“, dieser Vers aus Bert Brechts „Mutter Courage“ hat sich wohl selten deutlicher offenbart als indem Vertrag von Versailles nach dem I. Weltkrieg: Deutschland wurde die alleinige Kriegsschuld zugeschrieben, was den Grund bot, das Land auszubluten und sich daran zu bereichern. Ohne diese Ungerechtigkeit wäre es wahrscheinlich nicht möglich gewesen, einen „energischen Führer“ an die Spitze des Landes zu hieven, „der mit dieser Schmach von Versailles“ gründlich aufräumt. In neuer angepaßter Form sollte sich dieses Modell nach dem II. Weltkrieg nochmals bewähren. Zweifellos wurde diesmal der Krieg allein von Deutschland vom Zaungebrochen, doch die tiefere Ursache lag wohl schon in dem nicht auf Interessenausgleich bedachten Vertrag von Versailles. Nach dem II. Weltkrieg wurde nunmehr nicht mehr nur der Staat für die Verbrechen der Nazis haftbargemacht, sondern staatliches Handeln individualisiert: Jedem einzelnen Bürgerwurde Mittäterschaft zumindest aber Duldung der im Namen des Staates begangenen Verbrechen unterstellt. Dem gesamten deutschen Volk wurde kollektiv die Schuld an den Verbrechen der Nazis zugesprochen. Der alliierte Kontrollrat hatte fünf Kategorien aufgestellt, in die jeder Deutsche nach individueller Schuldeinsortiert wurde. Da gab es Hauptschuldige, Belastete, Minderbelastete, Mitläufer und die Unbelasteten. Was es nicht gab, das waren die deutschen Widerstandskämpfer. Teils wurden diese Antifaschisten sogar mitbestraft. Widerständler, die in die Bewährungs- und Strafbataillone der Nazis zwangseingegliedert worden waren, fanden sich schließlich mit allen anderen „Mitläufern“ in den Kriegsgefangenenlagern wieder. Das handhabten alle Alliierten so, die US-Streitkräfte mit Heinrich Scheel und die Sowjetarmee sperrte zum Beispiel den Charlottenburger Widerstandskämpfer Rainer Küchenmeister in ein Kriegsgefangenenlager.

Rainer Küchenmeister gehörte zu den jüngsten Widerstandskämpfern, die im Zusammenhang der hauptsächlich auf dem heutigen Gebiet des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf arbeitenden Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“ festgenommen wurden. „Rote Kapelle“ ist die dem Nazijargon entnommene Bezeichnung für eine in Westeuropa agierende Spionagegruppe der sowjetischen Militäraufklärung (GRU). Da es auch in dem Charlottenburger Widerstandskreis um Harro Schulze-Boysen und Arvid Harnack Kontakte zu diesen Kämpfern gab und auch ein Probefunkspruch nach Moskau gesandt worden war, wurde von den Nazis und dann auch späterhin diese Gruppe der „Roten Kapelle“ zugeschlagen.

Aus diesem Charlottenburger Widerstandskreis wurden zwischen dem 31. August und dem 12. September 1942 120 Bürger verhaftet. Weitere Verhaftungen folgten bis November 1942. Vor dem Reichskriegsgericht in der Witzlebenstraße wurden 84 Anklagen erhoben. Es fällte 27 Todesurteile, 32Widerstandskämpfer wurden in die Zuchthäuser und Konzentrationslager geschickt und 17 mit Gefängnis bestraft. Der älteste Angeklagte war der Invalidenrentner Emil Hübner. Er wurde im Alter von 81 Jahren in Plötzensee ermordet, der Jüngste war Rainer Küchenmeister. Er erlebte seinen 17. Geburtstag im Trakt 5des Polizeigefängnisses am Alexanderplatz. Sechs Tage nach diesem Geburtstag fand er dort seine erste große Liebe, die er jedoch nie zu Gesicht bekommen sollte. Nach einem Monat Haft drang in dieser kalten, grauen und finsteren Welt das fröhliche Pfeifen eines Mädchens an sein Ohr. Ein erstes Band zwischen ihnen knüpfte der Name Harro Schulze-Boysen, den das Mädchen, das genau eine Etage über ihn eingesperrt war, herunterrief. Nachts unterhielten sie sich von Fenster zu Fenster, sie tauschten Liebesbriefe als Kassiber aus. Sogar Literatur ließ das Mädchen an einem Bindfaden zu seinem Fenster herunter. Auf diese Weise lernte Rainer Küchenmeister Hölderlin kennen. Zu gern hätte er die Frau gesehen. Ein Mithäftling, der zum Schafott geführte wurde, schenkte ihm, weil er es nicht mehr brauchte, ein Stück von einem Rasierspiegel. In welche Position er das kostbare Stück auch arrangierte, die Eignerin der geliebten Stimme konnte er darin nicht erblicken. So verabredeten sie, daß das Mädchen zu einer bestimmten Zeit zur Krankenzelle gehen würde. Die befand sich seiner Zelle gegenüber, aber eben eine Etage höher. Zur verabredeten Zeit linste er durch das Guckloch seiner Zelle im spitzen Winkel nach oben, wo er kurz die Wade einer Frau erspähen konnte. Der junge Mann überlebte, seiner Liebe, Cato von Bontjes van Beek, wurde im Alter von 21 Jahren in Plötzensee der Kopf mit dem Fallbeil abgeschlagen. Später wurde Rainer Küchenmeister ein begnadeter Maler. Immer wieder malte er das Porträt Catos, so wie er sich ihr Gesicht vorgestellt hatte. Außer einer Wade hatte er ja von seiner ersten Liebe nie etwas zu Gesicht bekommen.

Mit dem Blick auf die Guillotine schieden drei weitere junge Frauen im Alter von unter 30 Jahren aus dem Leben: Die Katholikin, Studentin für neuere Sprachen und gebürtige Charlottenburgerin Eva-Maria Buch, weil sie für die französischen Fremdarbeiter ein Flugblatt in deren Muttersprache verfaßt hatte, Libertas Schulze-Boysen und die im 3. Schwangerschaftsmonat mit 18 Jahren verhaftete Liane Berkowitz vom Viktoria-Luise-Platz 1. Wie sie war auch die mit 33 Jahren schon etwas ältere Hilde Coppi schwanger. Auch sie durfte vor ihrer Hinrichtung noch ihr Baby austragen. Sie nannte es nach ihrem zuvor hingerichteten Mann Hans. Hans Coppi der jüngere hat im Gegensatz zur Tochter von Liane Berkowitz überlebt und später wertvolle Arbeiten über die Geschichte jener Widerstandsgruppe, in der seine Eltern mitwirkten, veröffentlicht.

Was war das Verbrechen dieser beherzten Bürger? Zunächst verweigerten sie sich der braunen Massensuggestion, lebten eine eigene Gegenkultur in ihren Freundeskreisen, dann versuchten sie mit Flugblättern und Aktionen eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen, schließlich sahen sie, als ihnen die immensen Verbrechen der Nazis bekannt wurden, daß dieser Mörderbande aus eigenen deutschen Widerstandskräften nicht Einhalt geboten werden kann und unterstützten direkt mit Informationen die Alliierten.

Der auffällig stark auf dem heutigen Gebiet von Charlottenburg-Wilmersdorf wirkende Widerstandskreis war ein Leuchtturm des Widerstands, aber keineswegs eine Ausnahme. Widerstand gab es in vielen Regionen. Es gab ihn überall im Volk, in allen Altersgruppen, Schichten und umfaßte Bürger unterschiedlicher politischer Überzeugungen. Die Tragik ist, daß diese Tatsache aus reinem politischen und wirtschaftlichen Interesse von den Siegermächten bis heute gern geflissentlich übersehen wird.

Dem Volk wurden nach dem Krieg zwar die Verbrechen der Nazis vor Augen geführt, aber die Opfer des deutschen Widerstandes wurden zunächst nicht erwähnt. Einzelne herausragende Persönlichkeiten erschienen damit ebenso wie der gesamte Widerstand als Ausnahme. Da das gesamte Volk am Pranger stand, wurden sie in dem allgemeinen Klima sogar als Verräter gebrandmarkt, die sich weigerten, das Schicksal mit dem Volk zu teilen. Ehrungen wurden ihnen verweigert. Willy Brandt mußte seine Staatsbürgerschaft neu beantragen, da die alte Ausbürgerung nach dem von den Nazis in Gebrauch gebrachten archaischen Terminus bis heute als „rechtens“ gilt. Schriftsteller wie Thomas Mann, demokratische Politiker wie Herbert Wehner und Diven wie Marlene Dietrich sahen sich über Jahrzehnte heftigsten Vorwürfen ausgesetzt, weil sie sich vom Staatsgebiet der Alliierten aus öffentlich gegen das Nazisystem gestellt hatten. Letztere wurde auf Konzerten ausgepfiffen und jahrelang weigerte sich Berlin, eine Straße oder einen Platz nach ihr zu benennen. Das erfolgte erst auf dem privaten Gelände auf einem Teil des Potsdamer Platzes. Erst recht blies dieser eisige Wind denen entgegen, die keine Berührungsängste mit den von den Nazis am meisten gehaßten und verfolgten Gegnern der Nationalsozialisten, den Kommunisten und der Roten Armee, hatten.

Selbst in der von Kommunisten regierten DDR wollte man zunächst nichts von diesem Widerstand wissen, obwohl diese Bürger für deren Schutzmacht im wahrsten Sinne des Wortes die Köpfe hingehalten hatten. Erst als im Westen mit sensationellen „Enthüllungsgeschichten“ über diese „Verräter“ hergezogen wurde, sah der Osten die Stunde gekommen, sie alle zu Kommunisten, zumindest aber unter Führung der Kommunisten wirkende Bürger zu machen. Einigen von ihnen wurde die Ehre zu Teil, als heldenmütige Kundschafter der Sowjetarmee in die Annalen der Geschichte einzugehen. Die Leute um das Ehepaar Schulze-Boysen und Arvid Harnack haben höchsten Respekt verdient. Sie haben auch den Alliierten wertvolle, vielleicht sogar schlachtentscheidende Informationen geliefert, aber Kommunisten, „Aufklärer“ oder Spione waren sie mit Sicherheit nicht. Kommunisten und Spione gab es in der Widerstandsgruppe, aber sie stellten weder die Köpfe noch hatten sie die Führung inne.

Eine erste Veränderung in der Bewertung des Widerstands trat ein, als die beiden getrennten deutschen Staaten in Militärbündnisse integriert wurden, die sich im globalen Maßstab feindlich gegenüberstanden. Bewährte Wehrmachtsgenerale wurden wieder gebraucht. Einige von ihnen wurden für die Vorbereitung eines neuen Schlachtens durch ihre Nähe zum Führerattentat vom 20.Juli 1944 legitimiert. Im östlichen Teil Deutschlands wurde der bürgerliche Widerstand unter die Ägide der KPD gestellt, und bis zur Öffnung der Staatssicherheitsarchive in der früheren Sowjetunion die wahre Tragik ihres Opferganges verschleiert.

Dadurch erhielten die beiden deutschen Staaten jeweils ihren eigenen Widerstand. Von der gleichen Bestie hingerichtet, fanden sie sich im Grab als unversöhnliche Feinde wieder, obwohl es zwischen beiden Widerstandskreisen auch persönliche Berührungspunkte gab. Die ideologischen Interpreten bezichtigten einander des Verrats und der Verbrechen. Für die einen waren die Widerständler nur umgefärbte Nazis, die die gleichen Ziele mit anderen Mitteln verfolgten, die anderen waren Verräter, die tausende wackerer deutscher Soldaten auf dem Altar des Kommunismus geopfert hatten.

Die ehrlichen Motive dieser mutigen Menschen, die sich dem Terrorsystem entgegenstellten und dafür wie kaum andere gelitten haben blieben auf der Strecke. Das ist nicht nur eine Ungerechtigkeit diesen Menschengegenüber, die für eine Korrektur der Geschichtsbücher interessant ist, sondern geht uns heute alle an, besonders jedoch, wie die Erfahrung von Katharina Ehrlicher zeigt, die Jugend und jene jungen Menschen, die aus anderen Staaten und Kulturen hier heute ihre Heimat finden.

Gerade in Charlottenburg-Wilmersdorf gibt es dank dieser Widerstandsgruppe zu hunderten Persönlichkeiten und Widerstandsaktionen, auf die die Jugendlichen mit Stolz blicken könnten, wenn die ideologischen Scheuklappen abgenommen würden. Bis heute ist die Kühnheit ihrer Widerstandsaktionenweitgehend unbekannt. Völlig unzureichend wird gewürdigt, daß dieser Widerstandsgruppe fast zur Hälfte Frauen angehörten, von denen vier im Alter um die 20 Jahre in einer grausigen Prozedur ihr Leben ließen. Zu ihnen gehören Frauen wie Libertas Schulze-Boysen aus Westend, Cato Bontjes van Beek vom Kaiserdamm 22, die im Alter von 18 Jahren und schwanger verhaftete Liane Berkowitz, Eva -Maria-Buch aus Charlottenburg, Hannelore Thiel aus Wilmersdorf oder, etwas älter, Hilde Coppi, die am Fehrbelliner Platz bei der Reichsversicherungsanstalt für Angestellte arbeitete. Diese Frauen wußten trotz Terror, Angst und Massenpsychose, was Recht und Anstand ist, und haben für die Ehre Deutschlands ihr Leben gelassen. Es ist höchste Zeit, viel stärker als bisher ihre mögliche Vorbildwirkung zum Tragen zu bringen.

Diese Frauen teilen alle das Schicksal, in ihrem dritten Lebensjahrzehnt von den Nazis unter das Fallbeil in Plötzensee gezerrt worden zu sein. Von ihren Altersgenossen unterschied sie der Mut, laut zu sagen, daß die Nazis ein Terrorregime errichtet hatten. Daß die SA und SS unterstaatlichem Schutz offen Verbrechen begingen, hat nur der nicht gesehen, der demonstrativ weggeschaut hat. Was in Deutschland selbst nicht sichtbar war, weil die Verbrechen in den eroberten Ländern begangen wurden, hatte Libertas Schulze-Boysen aus ihr zugänglichem Originalmaterial dokumentiert. In Panik hatte sie dies unmittelbar vor ihrer Verhaftung vernichtet. Wenn davon etwas erhalten geblieben wäre, hätten vielleicht die Gerichte, die historische Verantwortung nur nach individuell nachweisbarer Schuld verurteilen, vielleicht doch den einen oder anderen Verbrecher belangen müssen. Immerhin schöpfte der Freundeskreis daraus Material für eine sechsseitige Denkschrift „Die Sorge um Deutschlands Zukunft geht durch das Volk“, die zur Zeit des größten Siegesrausches der Nazis deren baldiges Ende mit den bitteren Folgen für das deutsche Volk voraussah. Der nach einer Vorlage von Cato Bontjes van Beek und ihrem Freund Heinz Strelow von Harro Schulze Boysen und John Rittmeister verfaßten Schrift, gab vermutlich John Rittmeister den Titel „Agis“. Das Todesurteil gegen Libertas Schulze-Boysen wurde unter anderem damit begründet, daß sie den Titel der Schrift angeregt haben soll. Nicht nur der Inhalt,  sondern auch dieser Titel sollte sich fast ein Jahr vor der Schlacht von Stalingrad in mehrfacher Hinsicht als prophetisch erweisen. Agis war gemeinsam mit Leonidas, der seinen Rivalen nach einem inszenierten Überfall auf das Tempelasyl widerrechtlich hinrichten ließ, König von Sparta. Leonidas ging durch die von ihm geleitete Schlacht gegen die Perser an den Thermopylen in die Geschichte ein, die Schiller zu dem berühmten Vers: „Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl“ inspirierte. Wenige Monate nach Erscheinen der Schrift, im Januar 1943, sollte Göring diese Schlacht mit der um Stalingrad vergleichen und nach dem antiken Vorbild Schiller im Munde führend von den ausgehungerten und erfrierenden Soldaten verlangen, ebenso heldenhaft allerdings ohne Siegeshoffnung auszuharren. Heute steht am Stadion von Sparta ein Heldenmonument von Leonidas. Agis wäre vergessen, wenn es nicht diese Schrift der Gruppe um Harro Schulze-Boysen gebe. Darin heißt es, als Hitler auf dem Gipfel seiner Macht war und scheinbar unaufhaltsam über die Wolga hinaus auf den Kaukasus zustürmte: „... in allen Ländern werden heute täglich Hunderte, oft Tausende von Menschen ... willkürlich erschossen oder gehenkt. ... Im  Namen des Reiches werden die scheußlichsten Quälereien und Grausamkeiten an Zivilpersonen und Gefangenen begangen. ... Das Volk weiß, daß es sich eines Tages vor der Geschichte, vor sich selbst und vor der Welt wird verantworten müssen. ... Jeder weitere Kriegstag vergrößert nur die Zeche, die am Ende von allen bezahlt werden muß“. Die von den Nazis als „Halbjüdin“ eingestufte und später ebenfalls geköpfte Marie Terwiel hat die Schrift abgetippt und aus dem Telefonbuch Adressen herausgesucht, an die sie versandt werden sollte. Dabeihaben die Widerstandskämpfer das System dreist herausgefordert. Adressatenwaren unter anderem Roland Freisler, damals noch als Staatssekretär im Justizministerium hoffnungsvoller Nachwuchskader, Alois Hitler, der Bruder des Führers, der am Wittenbergplatz eine gutgehende Kneipe betrieb, und schließlich das Propagandaministerium, um dessen Chef Joseph Goebbels wissen zu lassen, daß noch nicht alle Regimegegner totgeschlagen oder in Haft sind und nicht alle dem emotional fesselnden Nazisingsang zujubeln. Die Verfasser und Verteiler sind alle umgebracht worden. Aus der Kenntnis der griechischen Mythologie hätten die Nazis wissen können, daß ihnen das nicht hilft, weil niemand den Erinnyen entkommt. Zunächst gelang es der Gestapo jedoch nicht, die Adressanten ausfindig zu machen. Dazu verhalf ihr erst der sowjetische Geheimdienst. Das ist möglicherweise der tiefere Grund, der den Umgang mit diesem Widerstandskreis im Osten so schwierig machte.

Libertas Schulze-Boysen gebühren noch weitere Verdienste. Sie hat die beiden großen Widerstandskreise miteinander verbunden, den um Harro Schulze-Boysen mit dem Kreis um Arvid Harnack. Diese Gruppen wiederum bestanden aus Kreisen, die ebenfalls schon zuvor aus eigener Initiative gegen die Naziherrschaft arbeiteten. Libertas Schulze-Boysen hatte durch ihre persönliche Bekanntschaft mit Hermann Göring ihren Mann in jene Position im Reichsluftfahrtsministerium geholfen, von wo aus er Informationen von strategischer Bedeutung für die Sowjetarmee hatte bringen können. Schließlich stellte Libertas Schulze-Boysen die Verbindung zur Auslandsaufklärung der Roten Armee her. Erst das setzte Harro Schulze-Boysen in die Lage, Moskau über die Angriffsvorbereitungen auf die Sowjetunion und über den Sturm auf Stalingrad zu informieren. Ersteres wurde im Kreml ignoriert, weil diese Information nicht in die Vorstellungswelt von Stalin über den Lauf der Dinge paßte. Mit dem Zweiten hatte es der Generalstab der roten Armee plötzlich eilig, weil, wie der Sturm auf Stalingrad zeigte, sich seine Informationen nun zum zweiten Male bewahrheiteten und sich diese Quelle als zuverlässig erwiesen hatte. Aus Moskau kamen Funkgeräte. Die Intellektuellen dieses Freundeskreises vermochten aber nicht, damit umzugehen. Hans Coppi zerstörte sogar versehentlich ein Gerät, weil er es an Gleichstrom statt an Wechselstrom angeschlossen hatte. Daraufhin mobilisierte der sowjetische Nachrichtendienst sein in Brüssel residierendes Spionagenetz. Unbekümmert wurde zwar verschlüsselt aber nicht unentschlüsselbar von Moskau über Deutschland hinweg nach Brüssel an den Oberspion Alexander Gurewitsch gefunkt: „Gehen Sie in Berlin zu Adam Kuckhoff oder seiner Frau in der Wilhelmstraße 18,Tel. 836261, zweite Treppe links, obere Etage... Falls Kuckhoff nicht anzutreffen ist, wenden Sie sich an die Frau von Harro Schulze-Boysen, Libertas, Altenburger Allee 19, Tel. 99 58 47“. Das war nicht der Fehler eines vertrottelten Beamten, sondern wurde mit Kenntnis der ranghöchsten Geheimdienstgenerale veranlaßt. Diese Achtlosigkeit kostete 27 beherzten Berlinern, die auf die Bündnistreue der Sowjetunion vertraut hatten, das Leben. Das praktizierte auch gegenüber der in der Schweiz arbeitenden Gruppe. Sie schickte den gleichen Mann, der unter dem Decknamen „Kent“ arbeitete und nach seiner Verhaftung alle Geheimnisse preisgeben sollte auch zu dem Leiter der Schweizer Gruppe Sandor Rado nach Hause. Die führenden köpfe dieser Gruppe überlebten zwar, aber die Sowjetunion brachte sich damit in den letzten beiden Kriegsjahren um wichtige Informationen und schließlich auch um treue Kämpfer an ihrer Seite. Die DDR und die Sowjetunion hatten guten Grund, dies hinter vordergründiger Heldenverehrung für einige wenige zu verbergen, denn es war nicht das erste und auch nicht das letzte Mal, daß Vertrauen und Bündnistreue schmählich verraten wurden. Aufgrund der Informationen, die Gurewitsch direkt mitgegeben wurden, konnten bei Stalingrad fünf Armeen ganz und eine teilweise zerschlagen werden.D as betraf die 6. Deutsche Armee, Teile der 4. Armee und aus den verbündeten Staaten die 3. und 4. Armee Rumäniens, aus Italien die 8. Armee und aus Ungarn die 2. Armee. Im Gegensatz zu den Generalen der GRU hat Libertas Schulze-Boysen als eine der wenigen Kämpferinnen der Roten Kapelle nicht eine einzige Auszeichnung erhalten.

Im Gegenteil, über dieser in so jungen Jahren zum Schafott geführten Frau schwebt sogar noch unausgesprochen der Vorwurf des Verrats. Inder Haft wurde sie von der Gestapo überlistet. Ihr Vernehmer von der Gestaposteckte seine Sekretärin zu ihr in die Zelle. Libertas vertraute diesem Spitzel die Adressen ihrer Freunde in der Hoffnung an, daß sie gewarnt werden würden.Die Gestapoagentin bekam dafür 5000 Reichsmark, das Kriegsverdienstkreuz II. Klasse, ein persönliches Anerkennungsschreiben Himmlers und eine höhere Gehaltseinstufung, womit sich ihre Rentensprüche erhöhten, die ihr selbstverständlich in der Bundesrepublik trotz einer wohl kaum zu bestreitenden Nähe zum NS-Regime uneingeschränkt ausgezahlt wurden. Auch der Weg von Libertas Schulze-Boysen zum Schafott taugt nicht für Heldenmythen. Peter Weiss hat auf Grund der Aufzeichnungen des Pfarrers Harald Poelchau in der „Ästhetik des Widerstands“ meisterhaft die letzten Minuten im Leben der jungen Charlottenburgerin beschrieben: „Libertas aber hatte zu schreien begonnen, laßt mir, laßt doch mein Leben, schrie sie, und jetzt ging alles so schnell, ... der Scharfrichter hatte, mit einem Ruck an der Schnur, den Vorhang in der Mitte aufgerissen, knirschend waren die Hälften auseinandergefahren, die drei Gesellen, in Hemdsärmeln, die Pluderhosen in die Stiefel gestopft, waren aus dem Hintergrund hervorgesprungen, hatten sich über die Frau geworfen und sie, deren Beine zappelten, an das aufrecht stehende, am Kopfende mit einer Auskehlung versehene Brett gedrückt, dieses an seinem Scharnier umgekippt, den oberen Teil der hölzernen Halskrause im Gestell niederfallen lassen, und schon sauste von oben, aus seiner Verkleidung, das riesige Beil mit der schrägen Schneide herab, und trennte vom Körper das Haupt, das, überschüttet von Blut, in den Weidenkorbfiel. In Stößen schoß noch das Blut aus dem Hals...“.

Wenn sich auch die Sowjetunion dieser Frau nicht erinnern wollte und die DDR sie in der Würdigung weit hinter ihrem Mann zurücksetzte, sollte dieses Schicksal doch wenigstens mit denen der anderen Frauen des Widerstands als Vorbild der Jugend, dessen sie sich nicht schämen muß, dienen können. Das wäre auch wichtig für die Zuwanderer aus anderen Nationen, Staaten und Kulturen, die damals unter der deutschen Besatzung gelitten hatten. Manche ihrer Eltern sind in der Hoffnung hierher gekommen, daß der Staat verpflichtet sei, ihnen gegenüber persönlich Schuld aus dieser Vergangenheit abzutragen und sie bevorzugt zu fördern habe. Ihre Kinder aber finden sich plötzlich in der verordneten Schamgemeinschaft wieder, obwohl sie nicht einmal erblich belastet sind. Sie besuchen Schulen und Kitas, die Namen ermordeter jüdischer Bürgertragen und stellen beschämt Kerzen neben die Stolpersteine, weil die Ururgroßeltern ihrer Schulkameraden weggeschaut hatten oder wegen Widerstands von Nazis an einer Klaviersaite aufgehängt worden waren. Wer weiß das schon, denn deutschen Widerstand hat es nicht gegeben, bestenfalls Mitläufer.

Schaut man genauer hin, stellt sich vielleicht sogar heraus, daß sich diese Zuwandererkinder gar nicht so sehr zu unrecht mit den deutschen Kindern zusammen in der Schamgemeinschaft wiederfinden. Das könnte auf französische Jugendliche zutreffen, denn Frankreich war neben Italien und Japan der wichtigste Verbündete Deutschlands. In der von der Roten Armee umstellten Reichskanzlei kämpften schließlich nicht fanatische Deutsche um das Leben ihres geliebten Führers, sondern die 33. Waffen-Grenadier-Division der SS namens „Charlemagne“, in der vor allem französische Freiwillige auch aus den indochinesischen Kolonien Frankreichs kämpften. Unter rein nationalen Gesichtspunkten hätten ihnen gegenüber auch eher Jugendliche aus Polen, Jugoslawien oder Griechenland Anspruch, sich auf ihre Vorfahren als nennenswerte Akteure der Antihitlerkoalition zu berufen. Die Befreiungsarmeen dieser Nationen übertrafen jede für sich die Resistance. Ihr einziger Makel war, daß nach dem II. Weltkrieg keine Truppen der westlichen Alliierten in ihren Heimatländern standen, in Frankreich aber die US-Truppen. So wurde Frankreich Siegermacht mit einer eigenen Besatzungszone, Atommacht und schließlich auch ständiges Mitglied des neugeschaffenen Weltsicherheitsrates. Die Mitschuld von Frankreich und Großbritannien am Ausbruch des II. Weltkrieges dürfte durch das mit Hitlerabgeschlossene Münchner Abkommen dürfte wesentlich größer sein als die Verträge, die Sowjetrußland mit Hitler abgeschlossen hatte. Die Demut, die ein halbes Jahrhundert nach der Zerschlagung des Hitlerstaates immer noch abverlangt wird, erinnert sehr an die Haltung gegenüber Deutschland nach dem I.Weltkrieg, die den Weg Hitlers an die Spitze des deutschen Staates ebnete. Diesmal wird sogar eine Verinnerlichung dieser Schande von jedem deutschen Bürger erwartet. Die Verweigerung ist jene Protesthaltung, der die Widerstandskämpferin Katharina Ehrlicher bei vielen Jugendlichen begegnet und die der Nährboden des Neonazismus ist.

Soll Deutschland, vor allem die Jugend, die richtigen Folgerungen aus der Geschichte ziehen, ist es nun endlich an der Zeit, die Stadt nicht nur mit Denkmalen zuzubauen, die das Volk dauerhaft immer weiter in tiefer Scham versinken lassen, sondern endlich anzuerkennen, daß es auch in Deutschland nennenswerten Widerstand gegeben hat. Nicht umsonst haben die Nazis über 1000 KZs und ein riesiges Terrorsystem gebraucht, um den inneren Widerstand brutal zu unterdrücken. Das waren nicht nur heldenmütige Männer, sondern auch junge Frauen, die im Begriff waren, Familien zu gründen und ihren Kindern eine glückliche Zukunft zu schenken.

Den Jugendlichen könnten zahlreiche Vorbilder angeboten werden, auf die sie zurecht stolz sein könnten. Allein der Freundeskreis um das Ehepaar Schulze-Boysen erstreckte sich über mehrere hundert Menschen, die von der Nachrichtenübergabe an die Alliierten, England, Sowjetunion, USA über Flugblattaktionen bis zum Verbergen und Versorgen von als Juden verfolgten Nachbarn, was Katharina Ehrlicher mit 12 Jahren tat, dem Naziregime die Stirnboten. Erst jetzt 20 Jahre nach dem Kalten Krieg erfahren einzelne Widerstandskämpfer eine Würdigung. Trotz des sexistischen Beschlusses der Bezirksverordneten, öffentliche Einrichtungen, Straßen und Plätze nur noch nach Frauen zu benennen, gibt es bis heute noch keine Libertas Schulze-Boysen-Straße, oder Straßen, die nach Liane Berkowitz, Eva Maria Buch und Hilde Coppi benannt wurden. Das wurde bislang anderen Städten oder Bezirken wie Lichtenberg überlassen, wo es ein ganzes Viertel mit nach führenden Widerstandskämpfern der Roten Kapelle benannten Straßen gibt, nicht aber in der Region, wo sie lebten, Widerstand leisteten und starben.